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Die medizinische Versorgung von Menschen mit HIV in Deutschland gilt seit Jahren als vorbildlich. Moderne Medikamente, spezialisierte Schwerpunktpraxen und erfahrene Ärzt*innen ermöglichen heute ein langes und weitgehend gesundes Leben mit HIV. Ein aktuelles Gutachten zeigt jedoch, dass dieser hohe Versorgungsstandard in den kommenden Jahren zunehmend in Gefahr geraten könnte.
Steigender Bedarf durch demografische Entwicklung
Die Zahl der Menschen mit HIV, die regelmäßig medizinisch betreut werden müssen, ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Hauptgrund dafür ist der große Behandlungserfolg: Menschen mit HIV leben länger und benötigen dadurch häufiger medizinische Betreuung – nicht nur wegen HIV selbst, sondern auch aufgrund altersbedingter Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen oder psychischen Belastungen.
Zwischen 2014 und 2023 nahm die Zahl der Patien*innen in spezialisierter HIV-Behandlung um fast 40 Prozent zu. Bis zum Jahr 2035 wird ein weiterer deutlicher Anstieg erwartet. Dadurch steigt auch der Umfang der notwendigen ärztlichen Leistungen, da die Versorgung älterer und multimorbider Patient*innen zeitintensiver ist.
Ambulante Versorgung als Schwerpunkt
Der überwiegende Teil der HIV-Versorgung in Deutschland findet ambulant in spezialisierten HIV-Schwerpunktpraxen statt. Rund drei Viertel aller Menschen mit HIV werden dort betreut. Diese Praxen verfügen über besondere Erfahrung in der Therapie, im Umgang mit Wechselwirkungen sowie in der Begleitung komplexer Krankheitsverläufe.
Problematisch ist jedoch, dass die Zahl dieser Schwerpunktpraxen seit Jahren stagniert. Zwar steigt die Zahl der betreuten Patient*innen kontinuierlich, die Zahl der dort tätigen Ärzt*innen wächst jedoch deutlich langsamer.
Drohender Mangel an HIV-Spezialist*innen
Prognosen zeigen, der steigende Versorgungsbedarf droht nicht mit der verfügbaren Versorgungskapazität Schritt halten zu können. Bis zum Jahr 2035 könnten deutschlandweit bis zu 130 spezialisierte HIV-Ärzt*innen fehlen. Das entspricht etwa einem Viertel der benötigten Fachkräfte.
Ein solcher Mangel hätte spürbare Folgen für Patient*innen: längere Wartezeiten, weniger Zeit für Arztgespräche und erschwerter Zugang zu spezialisierter Versorgung. Besonders betroffen wären Regionen außerhalb großer Städte.
Regionale Unterschiede beim Zugang zur Versorgung
Schon heute ist die HIV-Versorgung regional ungleich verteilt. In Großstädten besteht meist ein gutes Angebot an Schwerpunktpraxen und Kliniken, während Menschen in ländlichen Regionen bereits heutzutage oft weite Wege auf sich nehmen müssen. Besonders für ältere oder gesundheitlich eingeschränkte Personen stellt dies eine zunehmende Belastung dar.
Veränderte Rolle der Krankenhäuser
Die stationäre Versorgung von Menschen mit HIV hat sich in den letzten Jahren ebenfalls gewandelt. Krankenhausaufenthalte erfolgen heute seltener wegen HIV selbst, sondern häufiger aufgrund anderer Erkrankungen. Bei bestehender HIV-Diagnose ist daher die Expertise im Umgang mit dem Infekt wichtig, aber nicht in allen Kliniken gleichermaßen vorhanden, was die Versorgung beeinflussen kann.
Handlungsempfehlungen für die Zukunft
Um den hohen Standard der HIV-Versorgung zu sichern, werden in dem Gutachten frühzeitige Gegenmaßnahmen empfohlen. Dazu zählen eine stärkere Förderung des medizinischen Nachwuchses, der Ausbau der Versorgung über digitale Technologien, eine bessere Vernetzung zwischen HIV-Praxen, geriatrischen Einrichtungen und psychosozialer Versorgung sowie gezielte Unterstützung für strukturschwache Regionen.
Fazit
Die HIV-Versorgung in Deutschland ist aktuell leistungsfähig und qualitativ hochwertig. Damit dies auch in Zukunft so bleibt, müssen jedoch rechtzeitig strukturelle Anpassungen erfolgen. Ziel ist eine spezialisierte Versorgung unabhängig vom Alter, vom Wohnort und von der individuellen Lebenssituation der Menschen mit HIV.
Quelle: Neues Gutachten zur HIV-Versorgung in Deutschland – aids-stiftung.de Gutachten: Bedarf an HIV-Spezialversorgung steigt um 40 Prozent bis 2035 Gutachten warnt vor Engpässen bei der HIV-Versorgung | G+G HIV-Medizin: Drohende Versorgungslücke | Deutsche Aidshilfe Neues Gutachten zur HIV-Versorgung in Deutschland / Zu wenige Praxen für immer mehr ... | Presseportal
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In den letzten Jahren hat sich das Spektrum der verfügbaren und in Entwicklung befindlichen PrEP-Optionen deutlich erweitert. Neben der etablierten oralen Präexpositionsprophylaxe mit Emtricitabin/Tenofovir sind mittlerweile auch langwirksame Injektionspräparate wie Cabotegravir (Apretude®) und als besonders langwirksame Substanz Lenacapavir (Sunlenca®, Yeytuo®) zugelassen, die sich derzeit jedoch noch nicht auf dem deutschen Markt befinden.
Emtricitabin/Tenofovir ist die am längsten etablierte Form der PrEP. Sie wird in der Regel als tägliche Tablette eingenommen und ist seit vielen Jahren weltweit zugelassen. Für bestimmte Personengruppen ist zudem eine anlassbezogene Einnahme nach dem sogenannten „2-1-1-Schema“ möglich. Zu den Vorteilen zählen die umfangreiche Studien- und Praxiserfahrung, eine hohe Wirksamkeit bei konsequenter Einnahme, die vergleichsweise niedrigen Kosten durch Generika, sowie die Möglichkeit, die Medikation bei Auftreten ausgeprägter Nebenwirkungen kurzfristig abzusetzen. Als Nachteile gelten die Notwendigkeit der täglichen Einnahme, sowie mögliche Nebenwirkungen, insbesondere in Bezug auf die Nierenfunktion und den Magen-Darm-Trakt.
Cabotegravir (Apretude®) ist ein Integrasehemmer, der in den Gesäßmuskel injiziert wird. Nach einer Einleitungsphase erfolgen die Injektionen im Abstand von zwei Monaten. Studien weisen auf eine sehr hohe Wirksamkeit hin, teilweise höher als bei der oralen PrEP. Vorteile sind das Wegfallen der täglichen Tabletteneinnahme, das Ausbleiben negativer Effekte auf die Nierenfunktion und Knochendichte, sowie die Unabhängigkeit vom Mitführen von Tabletten. Demgegenüber stehen die Notwendigkeit regelmäßiger Arztbesuche in kürzeren Zeitabständen, mögliche Schmerzen an der Injektionsstelle, sowie die lange Verweildauer des Wirkstoffs im Körper, die ein rasches Absetzen erschwert. Apretude® ist in der EU zugelassen, die Verhandlungen mit den Krankenkassen laufen jedoch noch.
Lenacapavir (Sunlenca®, Yeytuo®) ist ein neuartiger Kapsid-Inhibitor mit extrem langer Wirkdauer. In Studien wird derzeit eine Injektion unter die Haut alle sechs Monate untersucht. Der Wirkstoff ist bereits zur Behandlung multiresistenter HIV-Infektionen zugelassen, steht jedoch für die PrEP in Deutschland bislang nicht zur Verfügung. Vorteile sind bei diesem Arzneimittel vor allem die sehr seltene Applikation und der vollständige Verzicht auf eine tägliche Tabletteneinnahme. Als Nachteile gelten derzeit die sehr hohen Kosten sowie – ähnlich wie bei der anderen langwirksamen Substanz – die lange Verweildauer im Körper im Falle auftretender Nebenwirkungen.
In der aktuellen Forschung wird derzeit ein Implantat mit dem Wirkstoff Islatravir untersucht. Dabei handelt es sich um einen vielversprechenden, langwirksamen Ansatz zur PrEP oder zur Behandlung von HIV. Der Wirkstoff befindet sich in einem kleinen Implantat, das unter die Haut eingesetzt wird und den Wirkstoff über mehrere Monate, in manchen Fällen sogar bis zu einem Jahr, kontinuierlich abgibt. Studien an Tieren sowie erste klinische Untersuchungen zeigen, dass dadurch eine gleichmäßige und verlässliche Schutzwirkung erreicht werden kann. Das Implantat wird als Alternative zur täglichen Tabletteneinnahme entwickelt, um die Therapietreue zu verbessern und die Wirksamkeit über längere Zeiträume sicherzustellen. Ein wesentlicher Vorteil gegenüber Injektionen besteht darin, dass das Implantat bei Unverträglichkeiten jederzeit wieder entfernt werden kann.
Quellen: Alles Wichtige zur HIV-PrEP 055-008l_S2k_HIV-Praeexpositionsprophylaxe_2024-04_02.pdf Lenacapavir ist nun auch in Europa zur HIV-Prophylaxe PrEP zugelassen | Deutsche Aidshilfe Prüfung in zwei Verfahren | PZ – Pharmazeutische Zeitung HIV-PrEP mit lang wirksamem Mittel Apretude zugelassen Ausgabe 1/2025: Noch länger wirksame ART und PrEP in Sicht
CROI 2021 - Islatravir Implant einmal jährlich
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Gemeinsames Positionspapier von
- Deutsche Aidshilfe
- Deutsche AIDS-Stiftung
- Deutsche AIDS-Gesellschaft e.V.
- Deutsche Arbeitsgemeinschaft HIV- und Hepatitis-kompetenter Apotheken e.V.
- Deutsche Arbeitsgemeinschaft ambulant tätiger Ärztinnen und Ärzte für Infektionskrankheiten und HIV-Medizin e.V.
- Gilead Sciences GmbH
- MSD Sharp & Dohme GmbH
- ViiV Healthcare GmbH
Dank gemeinsamer Anstrengungen ist die Versorgung von Menschen mit HIV in Deutschland bislang erfolgreich. Mit der 2016 beschlossenen Strategie „BIS 2030 – Bedarfsorientiert, Integriert, Sektorübergreifend“ hat die Bundesregierung einen klaren Fahrplan zur Eindämmung von HIV, Hepatitis B und C sowie anderer sexuell übertragbarer Infektionen beschlossen.
Wir verfügen über das Wissen und die Instrumente, um HIV/Aids als Bedrohung für die öffentlichen Gesundheit zu beenden. Indes könnten wir eine Jahrhundertchance verspielen: Die Einstellung und Kürzung wichtiger Entwicklungsprogramme und internationaler Gesundheitsausgaben – zuletzt auch durch die Bundesregierung – gefährden die bisherigen Erfolge im Kampf gegen HIV. Auch die Überlegungen der UNO, UNAIDS vorzeitig bis Ende 2026 aufzulösen, gehen in die falsche Richtung.
Diese Entwicklungen auf globaler Ebene werden sich mittelbar auf die Lage der HIV-Prävention und -Versorgung in Deutschland auswirken. Mit einem Wiederanstieg der HIV-Infektionen weltweit werden die Herausforderungen auch hierzulande wachsen. Trotz großer Fortschritte bestehen auch bei uns weiterhin strukturelle Defizite, die durch eine angespannte Finanzsituation und den demografischen Wandel noch verschärft werden. Immer mehr Menschen mit HIV werden älter und zugleich dünnt die Versorgungslandschaft aus.
Für den Erfolg der HIV-Bekämpfung in Deutschland ist die 21. Legislaturperiode entscheidend.
Daher haben wir uns als breites Bündnis aus der Zivilgesellschaft, der Medizin, der Pharmazie und der Industrie zusammengeschlossen. Gemeinsam benennen wir zentrale Handlungsfelder, die die politische Agenda der kommenden vier Jahre und darüber hinaus prägen müssen.
WIR FORDERN
- die Rücknahme der Mittelkürzungen für den Globalen Fonds zur Bekämpfung von u. a. HIV und ein stärkeres internationales Engagement Deutschlands zur Sicherung niedrigschwelliger, communitybasierter HIV-Versorgungsstrukturen weltweit;
- eine umfassende Teststrategie mit flächendeckender, niedrigschwelliger Testinfrastruktur, insbesondere durch communitybasierte Angebote und Routinetestungen;
- die Sicherung und den Ausbau eines qualifizierten, flächendeckenden ART und PrEP-Versorgungsangebots – auch für Menschen ohne Krankenversicherung – inklusive erreichbarer HIV-Schwerpunktapotheken;
- die Sicherstellung des nationalen und regionalen Zugangs zu HIV-Innovationen (PrEP und Therapie) u. a. durch eine Reform des AMNOG-Verfahrens;
- eine systematische Nachwuchsförderung sowie Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung für HIV-spezialisierte Tätigkeiten in Medizin, Pharmazie, Pflege und Sozialarbeit;
- die Etablierung geriatrischer Kompetenz in der HIV-Medizin, um eine bedarfsgerechte Versorgung alternder Menschen sicherzustellen – in enger Zusammenarbeit mit communitybasierten Beratungsstellen;
- die Verankerung des Facharztes für Innere Medizin und Infektiologie in der ambulanten Versorgung, um die HIV- und Infektionsmedizin fachlich zu stärken;
- die Sicherung der zielgruppenspezifischen, lebensweisenakzeptierenden und ganzheitlichen HIV-Prävention sowie eine stärkere Aufmerksamkeit für Frauen, heterosexuelle Personen und Menschen ohne Krankenversicherung;
- bundesweite, niedrigschwellige Beratungs- und Versorgungsangebote für besonders vulnerable Gruppen sowie eine nachhaltige Finanzierung bestehender Beratungsstrukturen;
- breit angelegte Awareness-, Bildungs- und Fortbildungsprogramme – insbesondere für Schulen, das Gesundheitswesen und die Öffentlichkeit – um Wissenslücken zu schließen und Stigmatisierung abzubauen.
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